Nationalparkverwaltung
Bayerischer Wald

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Pressemitteilung

23.05.2013
Nr. 072/13
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Der Luchs – faszinierend und polarisierend zugleich

Forschungsprojekt des Nationalparks Bayerischer Wald endet mit Fachtagung

Mit einer großen zweitägigen Abschlussveranstaltung im Hans-Eisenmann-Haus im Nationalparkzentrum Lusen, an der über 150 Fachleute und interessierte Luchsfreunde teilnahmen, um noch einmal, gebündelt in zahlreichen Vorträgen von Referenten aus ganz Deutschland und Tschechien, die Ergebnisse des auch in der breiten Bevölkerung vielbeachtete Luchsprojektes zu hören, endete nach vierjähriger Laufzeit das bislang größte Forschungsprojekt der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald.

Kein Thema, das irgendwie in Zusammenhang von Luchs und seinen Beutetieren stand, wurde ausgelassen. Die Teilnehmer der Tagung erhielten einen kompletten Abriss über die größte Wildkatze Mitteleuropas, die sich zu Beginn der 1990er Jahre anschickte, ihren alten Lebensraum im Bayerischen Wald erfolgreich zurück zu erobern, nachdem 1986 im heutigen Nationalpark Šumava-Gebiet 17 Luchse wieder angesiedelt wurden.

Wechselwirkungen zwischen Reh, Rothirsch und der Waldverjüngung wurden ebenso vorgestellt wie die Raumnutzung des Luchses und seine Beutetiere und deren Steuerung.

Antworten gab es auf die Fragen: Wie viel Luchse haben Platz im Lebensraum Bayerischer Wald/Böhmerwald oder wie viele Rehe frisst ein Luchs? Natürlich stand auch das viel beachtete grenzüberschreitende Fotofallenmonitoring der Luchse im Mittelpunkt, ebenso wie das Monitoring von Großsäugern, den potentiellen Beutetieren des Luchses, aus der Luft mittels Wärmebildkameras an Kleinflugzeugen.

Im abschließenden Resümee mit Diskussion gingen die beiden Projektleiter Marco Heurich (Nationalpark Bayerischer Wald) und Ludek Bufka (Nationalpark Šumava) auch der Frage nach, welche Lehren das Luchsprojekt brachte und wie das Projekt weiterentwickelt werden könnte.

Als wichtigste Ergebnisse lieferte das Luchs-Projekt:

  • Rehe (82 %) und Rothirsche (14 %) sind die wichtigsten Beutetiere der Luchse im Böhmerwaldökosystem
  • Das Vorkommen von Luchsen hat eine geringere Überlebensrate der Rehe zur Folge. Mindestens 40 % der besenderten Rehe wurden von Luchsen gerissen.
  • Die Analyse der Verbreitung von Rehen und Rothirschen im Böhmerwaldökosystem zeigt, dass es bei beiden Arten in Tschechien viel höhere Bestände gibt als in Bayern und damit in Bayern der Grundsatz „Wald vor Wild“ erfolgreich umgesetzt wird. Die Bestandesdichte der Rehe ist in den Nationalparken sehr gering.
  • Die Verbissbelastung im Nationalpark ist gering, so dass sich die Baumarten natürlich verjüngen können. Deshalb wurde die Rehjagd 2012 im gesamten Nationalparkgebiet eingestellt.
  • Die zur Zeit beste Monitoringmethode für den Luchs ist das Fotofallenmonitoring (Abspüren im Schnee liefert weniger Informationen, genetisches Monitoring funktioniert nicht befriedigend, da sich die Luchse nicht ausreichend anlocken ließen). In den Nationalparken Šumava und Bayerischer Wald wurden damit etwa 16 unabhängige Luchse festgestellt. Dies entspricht einer Dichte von etwa einem Tier je 100 km². Außerhalb der Schutzgebiete ist die Dichte weniger als halb so hoch.
  • Streifgebiete von Weibchen sind 122 und von Männchen 432 km² groß.
  • In Ostbayern und dem angrenzenden Tschechien und Österreich könnten etwa 100 territoriale Luchse leben. 46 davon im Böhmerwaldökosystem. Große Teile des potentiellen Lebensraumes sind heute nicht besiedelt.
  • Wesentlich für die Verteilung der Luchse sind die Nationalparke Bayerischer Wald und Šumava. Bereits in etwa 50 km Entfernung zur den Schutzgebieten gibt es nur noch selten Luchse. Darüber hinaus breiten sich die Luchse nicht aus.
  • In den Projekten wurden umfangreiche Maßnahmen zur Akzeptanz durchgeführt (Pressearbeit, Führungen/Vorträge, Luchspfad, permanente Ausstellungen im HEH/HZW). Jeder 4. Einheimische wurde von der Öffentlichkeitsarbeit erreicht.
  • 68% der Einheimischen und 89 % der NP-Besucher halten den Luchs für sympathisch oder sehr sympathisch (für ländliche Region ein guter Wert). Trotzdem werden immer wieder Luchse illegal getötet (z.B. Tessa).
  • Fragen die bleiben: Was sind die Gründe dafür, dass sich die Luchse nicht weiter ausbreiten? Wie können wir verhindern, dass Luchse illegalen Handlungen zum Opfer fallen? Wie können wir die Lebensräume der Luchse auf Dauer schützen?
     

Zahlen und Fakten zum Luchsprojekt

Die finanziellen Förderer:
EU Interreg
Nationalparkverwaltung
Telekom
WWF/Jagdabgabe

Publikationen:
Zeitschriftenbeiträge referiert (41)
Manuskript in Arbeit (12)
Bücher und Buchkapitel (6)
Zeitschriftenbeiträge (12)
Zitierfähige Tagungsbeiträge (89)
Populärwissenschaftliche Artikel (34)
Studentische Arbeiten (46)

Pressearbeit
257 Presseartikel
29 Fernsehbeiträge
15 Radiobeiträge

Führungen/Vorträge
162 Führungen (Vorträge und Führungen 10831 Personen teilgenommen)
221 Vorträge
48 Interviews

Datenhaltung
Sieben Datenbanken wurden aufgebaut.

Telemetriedatenbank:
Datenspeicherung von 452 Rothirschen, Rehen und Luchsen mit 1,8 Mio. Positions- und 16,8 Mio. Aktivitätsdaten

Fotofallendatenbank:
350.000 Bilder, darunter 750 Luchsbilder

Luchsbeobachtungsdatenbank:
2.547 Datensätze mit 530 Luchsrissen, 104 Sichtbeobachtungen und 1.132 Fährten

Verbissdatenbank:
231.162 Verjüngungspflanzen bei denen seit 2007 regelmäßig der Verbiss erhoben wurde

Losungsdatenbank:
Informationen von 5.340 Losungshaufen gespeichert, die dem Monitoring der Huftiere dienen

Abspüraktionen:
In dieser Datenbank befinden sich 5.234 Spuren von Rothirschen, 3.623 Spuren von Wildschweinen, 3.119 Spuren von Rehen und 806 Luchsspuren

Rainer Pöhlmann

Weitere Informationen:


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