Nationalparkverwaltung
Bayerischer Wald

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Pressemitteilung

09.04.2009
Nr. 044/09
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Runder Tisch schafft Annäherung und Vertrauen

Runder Tisch zum Thema "Wildtierforschung". V.l. Michael Penn, Marco Heurich, Dr. Josef Linner, Michael Hess, Prof. Dr. Dr. Sven Herzog, Erna Dotterweich und Karl Friedrich Sinner.

Runder Tisch zum Thema "Wildtierforschung". V.l. Michael Penn, Marco Heurich, Dr. Josef Linner, Michael Hess, Prof. Dr. Dr. Sven Herzog, Erna Dotterweich und Karl Friedrich Sinner.

Freunde auf vier Pfoten, neutrale Experten und Nationalparkverwaltung lösen einvernehmlich Probleme der Wildtierforschung
Auf Einladung des Vereins Freunde auf vier Pfoten trafen sich in Grafenau hochkarätige Wildtierexperten und die Nationalparkverwaltung, um an einem Runden Tisch das Thema Wildtierforschung, ganz speziell das laufende Luchs-Projekt im Nationalpark Bayerischer Wald in Bezug auf den Tierschutz kritisch, aber offen und ohne Emotionen zu diskutieren.

Was war geschehen? Im Januar dieses Jahres wurde Frau Dotterweich von Spaziergängern alarmiert, die im Bereich des Weilers Neuhütte im Nationalpark Bayerischer Wald vom Schreien eines Rehes aufgeschreckt wurden und als Ursache ein Forschungsteam der Nationalparkverwaltung ausmachten, das gerade einem in einer sog. Kastenfalle gefangenem Reh für ein komplexes Luchs-Forschungsprojekt einen satellitengestützten Halsbandsender umlegte. Im Umfeld liegender Aufbruch - das sind Innereien eines erlegten Stück Wildes - entrüsteten die Gemüter zusätzlich und förderten die Phantasie. Es folgten Anzeigen, und Telefonate mit der Nationalparkverwaltung trugen nicht zur Versachlichung des Geschehnisses bei.
War es eine reine Verkettung unglücklicher Umstände? Man wollte es genau wissen, und das war - wie sich jetzt herausstellte - goldrichtig. Statt sich gegenseitig zu beschuldigen, wurde zum klärenden Gespräch an einem Runden Tisch in den Passauer Hof in Grafenau eingeladen. Daran teilgenommen haben neben Frau Dotterweich als Vorsitzende des Vereins Freunde auf vier Pfoten Wildtierforscher Prof. Dr. Dr. Sven Herzog von der TU Dresden, Dr. Josef Linner als internationaler Nationalparkexperte, der ehemalige Berufsjäger Michael Hess und von der Nationalparkverwaltung deren Leiter Karl Friedrich Sinner, der Leiter des Forschungsprojektes, Dr. Marco Heurich, und Berufsjäger Michael Penn.
Nationalparkchef Karl Friedrich Sinner stellte zu Beginn der Gesprächsrunde zusammen mit Dr. Marco Heurich das vielschichtige Forschungsprojekt, das zum Ziel hat, mit Hilfe von satellitengestützter Telemetrie mehr Licht in die verborgene Lebensweise der seit Anfang der 80er Jahre wieder im Bayerischen Wald heimischen Luchse zu bringen. Dazu werden nicht nur Luchse, sondern auch deren Beutetiere Rehe und Hirsche mit Halsbandsendern ausgestattet. Neben drei Luchsen geben aktuell auch jeweils ca. 30 Rehe und zehn Hirsche auf Wunsch der Forscher Signale über ihren Aufenthaltsort und sogar über ihr Verhalten - z. B. Ruhen, Bewegen oder Nahrungsaufnahme per SMS an die Forschungs-PC´s weiter. Eine fast lückenlose Nachverfolgung ohne jegliche Störung gibt auf diesem Weg z. T. völlig neue Erkenntnisse über die Lebensweise der Luchse und deren Beutetiere. Um aber die Rehe und Hirsche besendern zu können, müssen sie erst einmal gefangen werden. Bei den Hirschen geht das relativ einfach in den Wintergattern. Für die Rehe, die nicht in die Wintergatter ziehen, müssen im Gelände sog. Kastenfallen aus Holz mit Apfeltrester, etc. aufgestellt werden. Der Fang von Rehen in diesen Kastenfallen ist eine Methode, die seit den 80er Jahren praktiziert wird. Sie ist viel schonender als der anderweitig ausgeübte Fang in Netzen, den Nationalparkchef Sinner aus Tierschutzgründen ablehnt. Bei den Kastenfallen, so Sinner, hatten wir bisher keine fangbedingten Ausfälle an Rehen! Der Nationalparkexperte Dr. Linner vermisste hier den Einsatz alternativer Immobilisierungsmethoden, sprich Narkotisierung mittels Blasrohr mit Betäubungspfeilen auf kurze Distanzen. Dass dies viel Geschick und Zeit erfordere, weil das Hinterteil eines Rehes nur eine sehr kleine Zielfläche biete, unterstrich neben Dr. Linner auch Dr. Heurich, der auf ein neu erschienenes, ferngesteuertes Narkosegewehr hinwies, dessen Einsatz er sich bei entsprechender Bewährung auch bei seiner Forschungsarbeit im Nationalpark künftig vorstellen könne.
Natürlich kam von verschiedener Seite auch die Frage, wie denn die Halsbandsender den Tieren wieder abgenommen werden. Dafür, so Dr. Heurich, besitzen die Sender eine sog. Drop-off-Einrichtung, die mittels einer Minisprengkapsel spätestens nach 18 Monaten das Band vom Tier löst. Dr. Heurich räumte ein, dass diese eingesetzte Technik nicht immer funktioniert und er deshalb die Tiere lieber nochmals einfängt, um sie dann manuell vom Sender zu befreien. Prof. Herzog setzte sich dafür ein, dass die höheren Kosten durch eine Betäubung keine Rolle in der Festlegung der Fangart spielen dürfen und empfahl zusätzlich, die gefangenen Tiere vor der Entnahme aus der Falle per Narkotisierung ruhig zu stellen. Aber auch er empfindet das mit sicherer Hand praktizierte Abdecken des Kopfes, wie es die Nationalparkverwaltung vornimmt, als gute Variante und sah ebenfalls eine erhöhte Gefahr der Sterblichkeit bei einer Narkotisierung. Sein Wunsch wäre, wenn künftig auf die Fallen gänzlich verzichtet werden könnte, weil er auch bei den 30 Wiederfängen von Rehen seit Beginn des Jahres kein Indiz dafür sieht, dass sich die Tiere in den Fallen wohlfühlen.
Dr. Linner appellierte an einen transparenten Umgang mit der örtlichen Bevölkerung, weil dadurch im Vorfeld eventuelle Missverständnisse ausgeräumt werden. Mit Sie beschreiben gerade unsere derzeitige Tagesarbeit stimmte ihm Nationalparkleiter Sinner voll zu.

Einvernehmlich geklärt wurde auch die unappettitliche Sache mit dem Aufbruch. Der Nationalpark-Chef erklärte, die Innereien lasse man liegen, weil im Nationalpark zu wenig Wildtiere auf natürliche Weise sterben. Diese Überreste dienen auch anderen Tieren als Nahrungsgrundlage. So benötigen einige Vogelarten z. B. tierisches Fett und Kalzium aus Kadaver-Knochen, um eigene Körperstoffe zu bilden. Eine solche Ansammlung von Eingeweiden wie im beschriebenen Fall vorgefunden, wäre aber keine gängige Nationalpark-Praxis. Hier, so Sinner, wurde ein Stück Rotwild im Rahmen der auf Grund fehlender natürlicher Feinde wie Wolf oder Bär notwendigen Wildbestandsregulierung erlegt, auch um benachbarte Privat-Grundbesitzer vor Wildschäden zu bewahren.

Einen letzten strittigen Punkt brachte Frau Dotterweich auf die Tagesordnung. Sie sieht Probleme in der Markierung von Rehen mit verhältnismäßig großen Ohrmarken. Frau Dotterweich: Man kennt doch die Probleme von der Schaf- und Ziegenhaltung her, dass die Ohrmarken verloren gehen oder mit Schmerzen für die Tiere einfach ausreißen.
Dr. Linner sah darin ein eher ästhetisches Problem. Prof. Herzog forderte, dass keine Kosten und Mühen gescheut werden dürfen, um die zur Forschung notwendige Ausrüstung zum Wohl der Tiere zu verbessern. Dem stimmte Dr. Heurich voll zu und bestätigte, dass stets der neueste Stand der Technik zum Einsatz komme.

Die entspannte, fachlich und sachlich fundierte Atmosphäre dieses Runden Tisches hinterließ den Eindruck, dass beide Seiten erfolgreich waren. Die Forschungen werden helfen, einige unüberlegt in die Welt gesetzten Behauptungen und all die Mythen zu entkräften.
Und eines hat sich bei diesem Treffen als ganz besonders hilfreich herauskristallisiert: Nur wer miteinander spricht, baut Vorurteile und gegenseitige Beschuldigungen ab oder lässt sie gar nicht entstehen und ermöglicht dadurch erst gute Voraussetzungen zu einer erfolgreichen, gedeihlichen, Mensch und Tier dienenden Vorwärtsentwicklung.

Bildunterschrift:
Berufsjäger Michael Penn (von links), der Leiter des Forschungsprojektes Dr. Marco Heurich, der internationale Nationalparkexperte Dr. Josef Linner, der ehemalige Berufsjäger Michael Hess, Prof. Dr. Dr. Sven Herzog, die Vorsitzende des Vereins „Freunde auf vier Pfoten“, Erna Dotterweich, und Nationalparkleiter Karl Friedrich Sinner  trafen sich zu einem Runden Tisch, um das Thema „Wildtierforschung“ in Bezug auf den Tierschutz kritisch, aber offen und ohne Emotionen zu diskutieren.

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