Nationalparkverwaltung
Bayerischer Wald

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Auf Augenhöhe: Aktionstag für Blinde

Riech- und Tastmauer im Pflanzen-Freigelände (Foto: Maria Hußlein)

Im Waldspielgelände Spiegelau
am 23. Juni 2017 | 10:00 - 15:30 Uhr

Stationenparcours

Station A: Kennenlernen

Sich mit Vornamen vorstellen und einen Satz dazu, z. B. Ich bin die Gaby und wohne seit einem Jahr im Bay. Wald. Der Nächste wiederholt (Du bist …) und fügt seinen eigenen Satz dazu

Station B: Erwartungshaltung

Wir haben unseren heutigen Tag betitelt mit "Auf Augenhöhe unterwegs mit den Waldführern im Bayerischen Wald".

  • Was erwartet ihr euch vom heutigen Tag? Motto „Natur Natur sein lassen“ – was bedeutet das für euch? Findet ihr dieses Motto gut und wichtig? Warum?
  • Warum auf Augenhöhe? Wir haben versucht, unsere Stationen mit eurem Blick auf den Wald auszuwählen – welche Möglichkeiten? Auf unserem Foto ist ein Baumauge zu sehen – auch damit wollten wir etwas Ähnliches ausdrücken (der Baum hat auch andere Wahrnehmungsrezeptoren (Licht, Luftdruckänderungen usw.)

Station C: Einstimmung

Jedem einen Fichtenzapfen in die Hand geben.

Was ist das? Was hat das mit unserem BW zu tun? Welche Funktionen im Wald hat er? Was weißt du darüber?

Sachinfo:

  • Fichten: getrenntgeschlechtlich und einhäusig (männl. u. weibl. Blüten an einem Baum, bilden sich nach 10 bis 40 Lebensjahren zwischen April und Juni, reifen im Sommer, männl. Pollen befruchten die weibl. Samenanlage (Wind), ml Frucht fällt ab, in der wl Frucht (eiförmig bis zylindrisch) bildet sich die Samenschuppen aus : Same 3-6 mm, d.braun bis schwarz; Flügel (6-15 mm) hell; fallen im Winter bis spätestens Frühjahr aus, werden durch Wind verbreitet, aber auch Eichhörnchen und Specht (Samenschuppen als Nahrung), danach Abwurf des Zapfens (bis 20 cm lang) als Ganzes (mit den Deckschuppen)
  • Fichte in Verruf geraten, weil wegen Schnellwüchsigkeit als Wirtschaftsfaktor bevorzugt, monoton und schädlingsanfällig.
    Wieso wachsen dann im NP trotzdem in Tal- und in Höhenlagen 80 % Fichte?
    Fichtenauwald: kalt, feucht, stauende Nässe, nährstoffarm
    Bergfichtenwald: rau, kalt, niederschlagsreich, Schnee liegt lange (verwandt mit dem Taigawald des Nordens)
    Beide klimatischen Verhältnisse verträgt nur die Fichte.
  • S- und SW-Hänge zwischen 650 – 1200 m: deutlich wärmer: Fichte, Weißtanne, Rotbuche, Bergahorn: artenreicher Mischwald, flächenmäßig der bedeutendste Lebensraum im BW

Station 1: Wippboden (Spielplatz)

Ziel: Körperbeherrschung und Reaktionsfähigkeit prüfen, einzeln oder in Gruppen

Aktion:

  • Den neuen großen Wippboden begehen (mit Betreuer) und oben die plötzliche Kippbewegung ausgleichen.
  • Reflexion

Inhalt:

  • Was hat diese körperliche Herausforderung an Empfindungen ausgelöst? Einen kurzen Schreck; die Sorge, ob man das bewältigt; danach: Stolz, mehr Sicherheitl

Material: vorhanden

Station 2: Gerüche des Waldes (Duftorgel)

Station 3: Buche und Zunderschwamm

Ziel:
- Die Merkmale der Buche kennenlernen
- Ein typischer Zersetzer der geschädigten Buche: der Zunderschwamm

Aktionen:

  • Jeder bekommt einen kleinen Buchenzweig und beschreibt Blattform, Anordnung der Blätter am Zweig, Blattober- und unterfläche
  • Befühlen der Rinde
  • Erfühlen der Frucht
  • Den Zunderschwamm befühlen (Oberseite, Unterseite, beim stehenden u. liegenden Baum)

Inhalt:

  • Blatt: klein (7 - 8 cm lang), oval, spitz auslaufend, deutliche Blattadern auf Ober- und Unterfläche
  • Rinde: glatt, mit zunehmendem Alter und in Höhenlagen rissiger und mit Flechten überzogen
  • Frucht: Schale: klein (ca. 5 cm ), dreieckig, rau/stachelig (ähnlich Kastanie), Frucht selber: dreieckig, ca. 3 cm groß, glatt
  • Zunderschwamm: zersetzt geschädigtes Holz (Zellulose und Lignin), dadurch tritt die Weißfäule im Holz auf.
  • Pilze helfen, nicht mehr lebensfähige Bäume zu beseitigen und mittels des daraus gewonnenen Humus Energie für neue Pflanzen und Bäume bereitzustellen.

Material: Buchenzweiglein, Bucheckern, ein junger dünner Buchenstamm, eine alte dicke Buche, Zunderschwamm, Gegenstände aus Zunderschwamm

Station 4: Blinde Reise am Seil

Ziel:
- Sich selbst zutrauen, an einem Seil durch den Wald zu gehen, ohne führende Person.
- Sich auf das ungewohnte Terrain einlassen.

Aktion:

  • Sich an einem gespannten Seil entlangtasten.

Inhalt:

  • Mit einer Hand dem Seil folgen.
  • Sich dabei auf die Besonderheiten des Bodens einstellen, die Füße heben, mit Hindernissen (z. B. Strauch, kleine Äste einer Fichte) rechnen, die zweite Hand dafür verwenden)
  • Reflexion: Was musste ich an meinem Gang ändern, um im Wald damit zurechtzukommen? (siehe auch Station 5)

Material: Gespanntes Seil zwischen zwei Bäumen. Kleine einfache Hindernisse in den Weg einbauen. Augenbinden.

Station 5: Felle und Präparate fühlen und ertasten

Ziel:Felle von Raubtieren des BW fühlen

Aktion:

  • Gespräch: Welche Raubtiere gibt es im BW?
  • Befühlen der Felle von Luchs, Wolf, Biber, Eule, Eichhörnchen
  • Vergleichen und Unterschiede erkennen

Inhalt:

  • Luchsfell: Oberhaar mittellang, seidig, fein; Unterhaar wellig; Rücken 3-5 cm
    lang, Bauch 5-7 cm lang, 2 x Fellwechsel/Jahr, pro farbbestimmen-
    dem Grannenhaar (= Deckhaar) 12 Wollhaare
  • Wolfsfell: Haare bis 10 cm lang, grob, steif
    Biber: wird bis zu 1,40 m lang, Felllänge 75 – 95 cm, Unterwolle sehr dicht und fein,
    von Grannenhaaren überdeckt, Fell sehr widerstandsfähig und haltbar, Mensch
    600 Haare/cm², Biber 23000 Haare/cm², gilt als König der Pelziere, europ.
  • Biber: größtes Nagetier, war durch Kultivierung und Regulierung der Flussläufe und Jagd
    fast ausgerottet, leben monogam, Eltern + 2 Gen. Jungtiere, Revier 1 – 3 km Fließ
    gewässer, Wohnbauten über Wasser mit 2 – 4 Zugängen unter Wasser (deshalb
    Biberdämme)
  • Eule: weiches Gefieder
  • Eichhörnchen:

Material: Fell von Luchs, Wolf, Biber. Präparate von Eule und Eichhörnchen

Station 6: Tonarbeiten

3 Kleingruppen mit jeweils etwa 5 Teilnehmern werden von Fr. Zanella betreut.
Dauer: etwa jeweils 1 Std.
Material: Messer/Schaber besorgen, Tücher u. Kartons zum Transport

Station 7: Balancierscheibe

Ziel:Körperwahrnehmung in einer ungewohnten Bewegung

Aktionen:

  • Auf der Drehscheibe sitzend oder liegend, drehen
  • Reflektieren

Inhalt:

  • Die eigene Empfindung: Welche körperlichen Wahrnehmungen hat diese ungewohnte Bewegung ausgelöst?
  • Vergleich: Was haben die anderen empfunden?

Material: Dreh-/Balancierscheibe (vorhanden)

Station 8: Vogelnestschaukel

Ziel:
- Den Körper in einer ungewohnten Bewegung wahrnehmen
- Ausgleichsbewegungen durchführen

Aktionen:

  • Schaukeln im Schaukelnetz
  • Gespräch: Gefühle austauschen und einordnen

Inhalt:

  • Die eigene Empfindung: Welche körperlichen Wahrnehmungen hat diese ungewohnte Bewegung ausgelöst?
  • Vergleich: Was haben die anderen empfunden?

Material: vorhanden

Station 9: Vertrauensgang

Ziel:
- Vertrauensvoll dem Führenden folgen.
- Sich auf das ungewohnte Terrain (holpriger Weg, Fußangeln usw.) einstellen

Aktionen:

  • Waldführer führen durch den Wald (Schultergriff), zwischen Bäumen durch bis zum quer liegenden Baum
  • Reflexion: Unterschied Laufen im Wald – Laufen auf dem Gehweg

Inhalt:

  • Waldführer leiten durch den Wald, weisen auf Besonderheiten hin (z. B. querliegende Bäume)
  • Reflektieren: Worin unterschied sich dieses Laufen durch den Wald vom normalen Laufen auf einem Weg? (Gefasst sein auf Unebenheiten, keine Wegvorgabe, keine Ränder, Hindernisse nicht nur auf dem Boden, sondern auch noch in größerer Höhe, Fußangeln (z. B. Brombeere)

Material: Vorhanden, Zusatzmaterial nicht benötigt

Station 10: Waldgeräusche erkennen und erzeugen

Material Waldxylophon (liegend und hängend), Klangstein, Summstein, Baumstamm (vorhanden), noch ergänzen: kleinere Steine

Station 11: Naturgeräusche erzeugen

Ziel: Genau auf Laute im Wald hören.

Aktionen:

  • Lauschen: Was hört man im Wald?

Inhalt:

  • Lauschen und Identifizieren: Rauschen (Wind/Blätter), Rascheln (Tiere, Menschen/Blätter, Knacksen (kleine Zweige), Knarren/Knarzen (dickere Äste, Stämme), Plätschern (Bach)

Station 12: „Sehende“ Füße (Barfußparcours)

Ziele
- Unterschiedlichen Boden mit den Füßen erfühlen
- Die Materialien erkennen, benennen und einordnen nach der
- Häufigkeit ihres Vorkommens im Wald.

Aktionen:

  • Den Barfußparcours mit Hilfe eines Betreuers ablaufen
  • Gespräch hinterher:
    - Welchen Boden habt ihr erfühlt?
    - Welcher, vermutest du, kommt im Wald am häufigsten vor, welcher eher selten? Warum?

Inhalte:

  • In einem Laubwald liegen am häufigsten Laub am Boden und die Reste der Früchte von Laubbäumen, z. B. Bucheckern.
  • In einem Nadelwald liegen kleine Zweiglein, längliche (Fichte) oder rundliche Zapfen (Kiefern, eher selten im BW).
  • Eher selten sind Sandböden (in Kiefernwäldern).
  • Häufiger sind Wurzeln oder abgebrochene Äste, aber auch relativ stark abgeschliffene Steine (warum keine kantigen Kiesel, sondern abgeschliffene größere Steine?)
  • Wo mehr Licht ist, wachsen im Unterholz auch niedrige Beerensträucher.

Material: vorhanden

Station 13: Tastende Hände: Fichte/Tanne (Baumpavillon)

Ziele
- Fichte, Tanne, Buche durch Tasten erkennen und Merkmale beschreiben
- Den Umfang des größten Nadelbaumes auf der Erde kennenlernen.

Aktionen:

  • In den Fühlboxen Zweige, Früchte und Rinde betasten.
  • Umfassen/Abgehen des Umfangs des inneren Pavillons

Inhalte:

  • Umfang des Pavillons entspricht dem Riesenmammutbaum General Sherman im Sequioa NP in Kalifornien [(Umfang an der Stammbasis: 31 m, Durchmesser in Brusthöhe 8 m, (also dann ca. 25 m Umfang), Höhe 84 m, Alter ca. 2000 - 2500 Jahre)]

Material: vorhanden

Station 14: Stimmen des Waldes

Ziel:Stimmen des Waldes erkennen.

Aktionen:

  • Tierlaute und –stimmen erkennen mit Hilfe des Tingbuches.

Inhalte:

  • Vermuten lassen: Welche Tierstimmen kann man in einem Wald vernehmen?
  • Aus dem Tingbuch einige für den BW typische Vogelstimmen aus dem Wald bzw. Tierlaute vorspielen, raten lassen und typische Kennzeichen benennen.

Material: Tingbuch

Station 15: Fichte und Tanne unterscheiden

Ziel: Unterscheiden der für den BW typischen Nadelbäume

Aktionen:

  • Wuchs betrachten
  • Zweige untersuchen
  • Nadeln riechen und reiben
  • Zapfen vergleichen
  • Rinde befühlen: junge Tannen: glattere Rinde, Fichte bereits in jungen Jahren rauer

Inhalte:

  • Tanne: kurze, flache, eher weiche und biegsame Nadeln, wachsen direkt aus dem Zweig, jeweils seitlich am Zweig angeordnet, Zapfen stehend, fällt nicht ab, nach Ausfallen der Samen bleibt nur die Spindel auf dem Zweig stehen, Krone oben leicht rundlich/abgeflacht, Pfahlwurzel
  • Fichte: kurze, stechende Nadeln, sitzen auf kleinen verholzten Stielen, Nadeln seitlich oder auch spiralig angeordnet, Zapfen hängend und nach dem Samenwurf komplett mitsamt der Schuppen abfallend, Krone spitz und regelmäßig zulaufend, Flachwurzler

Material: Tannen- und Fichtenästchen, Zapfen, Rinde

Station 16: Urteilende Hände: Waldtypisches und -untypisches

Ziel:
- Dinge ertasten (am Seil aufgehängt)
- Urteilen, ob sie waldtypisch sind oder nicht.

Aktionen:

  • Gegenstände ertasten.
  • Entscheiden, ob sie in den Wald gehören. Begründen.

Inhalte:

  • In einem kleinen eingegrenzten Bereich (durch Baumstämme, Seile einem Reifen o. ä.) verschiedene Dinge (Zweig, Tempotaschentuch, Zapfen, Borke, Plastiktüte, Zigarettenschachtel, Buchecker u. ä.) ablegen.
  • Benennen der gefundenen Gegenstände und begründen, warum oder warum sie nicht in den Wald gehören.

Material: Baumstämme, Seile o. ä. zum Eingrenzen der Fläche, Tempo, Plastiktüte, Zigarettenschachtel, Zweig, Zapfen, Borke, Buchecker

Station 17: Insektenhotel

Ziel:
• Wozu dienen Insektenhotels?
• Erkennen, wie sie gebaut sein müssen.

Aktionen:

  • Abtasten des Insektenhotels
  • Gespräch: Wozu hat man hier ein Insektenhotel aufgebaut?
  • Befühlen: Aus welchen Materialien besteht es?

Inhalte:

  • Eine Nist- und Überwinterungshilfe für Insekten, weil nur noch wenige natürliche Insektenlebensräume vorhanden (durch intensive menschl. Eingriffe/Pestizide und die Tendenz zu „aufgeräumten“ Landschaften)
  • Insekten (Hummeln, Wildbienen, Wespen, Florfliegen, Ohrwürmer) sind Nützlinge: Bestäubung, biolog. Schädlingsbekämpfung, Erhaltung des ök. Gleichgewichts
  • Materialien/Bauweise: Naturmaterialien (Baumscheiben, Äste, Holzwolle, Bambusrohre, Schilfhalme, Heu, kleine Steine, Lehm)
  • Standort: vollsonnig (für Brut), witterungsgeschützt, in der Nähe Kräuter, blütenreiche Wildpflanzen, Wasser, Lehm, Sand
  • Einflugschneise: wetterabgewandt, gut sichtbar

Material: Ein kleines Insektenhotel zum In-die-Hand-Nehmen, versch. un-/brauchbare Baummaterialien

Station 18: Totholz und Baumpilz

Ziel:
- Totholz und seine Bedeutung für den Wald kennenlernen
- Baumpilze und ihre Bedeutung für das Totholz kennenlernen

Aktionen:

  • Verschiedene Hölzer betasten
  • Verschiedene Zersetzungsstadien erfühlen
  • Den Zunderschwamm ertasten

Inhalte:

  • Erst ein gesundes, normales Holzstück betasten, dann ein in der Zersetzungsphase befindliches. Was ist hier passiert?
  • In Gefäßen verschiedene Stadien der Zersetzung präsentieren: Das Holz wird immer kleiner und krümeliger, bis es am Ende so klein ist, dass es zusammen mit anderen Pflanzenstoffen in der Erde nicht mehr ertastet werden kann.
  • Für die Zersetzung sind Baumpilze verantwortlich. Der Fichtenporling zersetzt die Zellulose im Nadelbaum und verursacht dadurch die Braunfäule (Holz wird braun).
  • Der Zunderschwamm zersetzt Zellulose und Lignin, dadurch tritt die Weißfäule auf (Holz wird weiß).
  • Erkenntnis: Pilze helfen, nicht mehr lebensfähige Bäume zu beseitigen und mittels des daraus gewonnenen Humus Energie für neue Pflanzen und Bäume bereitzustellen.

Material: Hölzer in verschiedenen Zersetzungsstadien, geeignete Gefäße, Zunderschwamm, Fichtenporling

Station D: Resümee

  • Wie hat dir der Tag gefallen? Welche Station besonders? Warum?
  • Wurden deine Erwartungen erfüllt?
  • Hast du den Eindruck, heute etwas dazugewonnen zu haben? Wissen, Erkenntnis, Spaß, Unbeschwertheit?
  • Wie denkst du jetzt über das Motto „Natur Natur sein lassen“? Hat sich etwas an deiner Einstellung geändert?

Station E: Abschluss

Waldwiese: Biertische, Getränke, Leberkässemmeln

Weiterführende Informationen