Nationalparkverwaltung
Bayerischer Wald

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Tier- Freigelände im Nationalparkzentrum Lusen

Virtueller Rundgang: Waschbär

Birklhuhn (Foto: Grunwald)

Ein Waschbär bereichert seit November 2014 den Tierbestand im Tier-Freigelände NPZ Lusen. Doch warum zeigen wir diese nordamerikanische Art bei uns im Tier-Freigelände, das sich ja eigentlich mit der (ehemals) heimischen Fauna des Bayerischen Waldes beschäftigt?

Waschbären sind in Deutschland so genannte Neozoen, also Neubürger in der heimischen Tierwelt, die nach geläufiger Definition nach 1492 (dem Entdeckungsjahr Nordamerikas durch Christoph Columbus) bei uns angesiedelt wurden. In den letzten 100 Jahren wurden Waschbären immer wieder in Deutschland als Bereicherung der heimischen Tierwelt aktiv ausgewildert oder entkamen versehentlich aus Tierhaltungen. Die meisten Populationen verschwanden wieder oder hatten kaum Ausbreitungstendenzen.

Die heutige Waschbärenpopulation Mitteleuropas geht im Wesentlichen auf zwei Freilassungen in Deutschland zurück: Einer aktiven Ansiedlung am hessischen Edersee im Jahre 1934 (lediglich zwei Paare) und einer Flucht von ca. 20 Tieren nach einem Bombentreffer einer Waschbärhaltung bei Strausberg (Brandenburg) im Jahr 1945. Mittlerweile kommt der Waschbär in ganz Deutschland flächendenkend und zunehmend vor. Die Jagdstrecke in Bayern verdreifachte sich beispielweise in den letzten Jahren und beträgt zurzeit ca. 1000 Tiere und auch im Nationalpark Bayerischer Wald werden immer wieder Tiere gesehen und durch Fotofallen dokumentiert (2010: 8, 2011: 10 Fotobelege; in den letzten Jahren nur einzelne Tiere, allerdings dürfte dieser Umstand der auf den Winter beschränkten Monitoringphase geschuldet sein, da Waschbären eine Winterruhe halten).

Waschbären sind damit und nicht zuletzt aufgrund ihrer großen Anpassungsfähigkeit zu einem festen Faunenelement in Mitteleuropa geworden. Bisher liegen auch keine wissenschaftlichen Belege vor, dass Waschbären einen negativen Einfluss auf die Bestandszahlen anderer heimischer Tierarten (zum Beispiel andere kleine Beutegreifer, bodenbrütende Vogelarten) hatten, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Die Gesetzgebung trägt diesem Umstand Rechnung und überlegt, den Waschbären in die Liste der heimischen Tierarten aufzunehmen und dem Jagdrecht zu unterstellen. Nach Definition des Bundesnaturschutzgesetztes wird der Waschbär allerdings spätestens im Jahre 2034 Bürger der Bundesrepublik, da er dann bereits sein 100 jähriges Jubiläum in der heimischen Fauna feiert.

Unsere Waschbärhaltung soll künftig auf den artenschutzfachlich wichtigen Aspekt der Besiedlung heimischer Lebensräume durch Neobioten (dieser Begriff umfasst auch Neubürger aus dem Pflanzen- und Pilzreich) aufmerksam machen, zu denen bei uns beispielsweise auch der Marderhund, die Regenbogenforelle oder das Drüsige Springkraut zählen. Denn auch wenn sich der Waschbär eher unauffällig in die heimische Tierwelt integriert hat, geht von sich stark ausbreitenden (invasiven) Arten stets auch die Gefahr aus, heimische Arten zu verdrängen.

Unser Männchen stammt aus einem Tierheim und soll bei uns eine artgerechte Haltung genießen dürfen. Das Waschbärgehege (das umstrukturierte ehemalige Fischottergehege unterhalb des neuerbauten Stauwehres) erfüllt diesen Anspruch auf hervorragende Weise. Waschbären klettern ausgezeichnet und die Baumgruppe in der Mitte des Geheges gibt unserem Waschbären dafür reichlich Gelegenheit.

Seinen Badegewohnheiten kann er in dem kleinen Stausee nachgehen. Zudem kann der Waschbär im Gehege selbstständig an zwei kleinen Bachläufen nach Krebsen und Insektenlarven suchen. Seine tastende Nahrungssuche im flachen Wasser erinnert an unser Händewaschen und gab dem Waschbären seinen Namen. Das noch allein gehaltene Männchen soll in nächster Zeit Gesellschaft bekommen. Waschbären leben einzelgängerisch oder im Familienverband. Daneben kommen auch regelmäßig Männergruppen mit bis zu vier erwachsenen Waschbären vor – eine Besonderheit in der Tierwelt.

Eine solche Männergruppe wollen wir künftig zeigen - Nachwuchs ist also keiner geplant. Der Grund hierfür ist ein Tierschutzaspekt. Immer wieder werden Waschbären von Privatpersonen gehalten, da sie recht zutraulich werden und insbesondere die niedlichen Jungen wie Kuscheltiere wirken. Viele Besitzer sind allerdings mit der Haltung völlig überfordert. Waschbären sind eben keine echten Haustiere, brauchen viel Platz, Badestellen, viel Beschäftigungsmöglichkeiten – Ansprüche, denen Privatpersonen kaum gerecht werden können. Zudem können Waschbären aufgrund ihrer Neugier, dem Klettergeschick und ihrer Kraft Wohnung in ein Chaos verwandeln. Daher geraten immer wieder Tiere in Tierheime, die den Waschbären häufig auch keine dauerhafte Bleibe bieten können. Solchen Tieren will das Tier-Freigelände künftig eine tiergerechte Unterbringung ermöglichen.