Nationalparkverwaltung
Bayerischer Wald

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Forschung im Nationalpark Bayerischer Wald

Forschungsprojekt: Waldökologische Schlüsselwerte in Bergmischwäldern als Grundlage für eine ökologisch nachhaltige Nutzung

Umsetzung der Schwellenwerte in ein betriebliches Naturschutzkonzept

Viele der aus dem Projekt resultierenden Schwellenwerte liegen weit über dem Flächendurchschnitt der meisten Betriebe im Bergmischwalbereich. Diese auf ganzer Fläche in einem ökonomisch orientierten Forstbetrieb zu überschreiten, kommt als Ziel demnach nicht in Frage. Die Schwellenwerte lassen sich vielmehr zur Identifikation der naturschutzfachlichen „Hotspots“ sowie weiterer Flächen in denen vorrangig Naturschutzziele verfolgt werden sollen, innerhalb der Gesamtbetriebsfläche verwenden.

Forstinventurdaten bieten hier eine hervorragende Grundlage, um Schwellenwerte in flächige Naturschutzkonzepte umzusetzen. Sie sind überregional flächig verfügbar, wurden bislang jedoch erst wenig für naturschutzfachliche Anwendungen genutzt. Obwohl Forstinventurdaten aus einem groben Raster bestehen (die Entfernung zwischen den Stichprobepunkten beträgt 100-200 m) können sie für betriebliche Gesamtkonzeptionen (Durchschnitt Betriebsfläche Bayerische Staatsforsten (reine Waldfläche): 17.500 ha) eine ausreichend genaue Übersicht liefern.

In dem DBU-Bergmischwaldprojekt wurden die Schwellenwerte (Tabelle 1) auf Basis der Inventurdaten in ein Naturschutzkonzept für bergmischwald-dominierte Betriebe exemplarisch umgesetzt (Tabelle 2). Dazu musste in einem ersten Schritt aus den Inventurpunkt-Daten eine flächige Information erstellt werden. Zu diesem Zweck wurde das so genannte Kriging-Verfahren angewendet, bei dem Inventur-Punktdaten auf die Fläche interpoliert werden.

Das Kriging-Verfahren liefert für die einzelnen Schlüsselwerte flächige und stufenlose Daten. Diese wurden dann gemäß den Schwellenwerten klassifiziert (Tabelle 2), so dass sich folgende Flächenkategorien abbilden lassen:

1. Flächen, in denen die Schwellenwerte überschritten sind.
2. Flächen, in denen nur Teile der Schwellenwerte überschritten sind.
3. Flächen, in denen keiner der Schwellenwerte überschritten ist.


Schritt 1: Forstinventur

Schritt 1: Forstinventur Die Forstinventurpunkte geben die Grundinformationen vor. In einem Raster von 100 m (bzw. 200 m in Montanlagen) Probepunktabstand werden auf konzentrischen Probekreisen (0,05 ha) Daten wie Baumarten, Altersstrukturen, Wachstums- und Holzvorräte erfasst.

Schritt 2: Die Darstellung der Schwellenwerte mit Hilfe des Kriging Verfahrens (Schwellenwertanalyse)

Waldalter

Totholz

Laubholzanteil

Schritt 2: Die Darstellung der Schwellenwerte mit Hilfe des Kriging Verfahrens (Schwellenwertanalyse)

Schritt 3: Handlungsempfehlungen aus der Verschneidung der Schwellenwertanalyse

Schritt 3: Handlungsempfehlungen aus der Verschneidung der Schwellenwertanalyse In der Synthese der überlagerten Flächen aus der Schwellenwertanalyse werden Managementempfehlungen abgeleitet. In Bereichen, die den Alters-Schwellenwertbereich von 140 Jahren erreichen, wird eine Totholzanreicherung auf über 30 m³/ha empfohlen. In Bereichen mit hohen Totholzsummen von über 30 m³/ha wird ein Belassen des überschirmenden Bestandes bis in ein Waldalter von über 140 Jahren empfohlen. In Bereichen, die bereits einen Laubholzanteil von über 60 % aufweisen wird empfohlen, den hohen Laubbaumanteil zu erhalten.

Tabelle 2. Ablaufschema des Bewertungsverfahrens: Von den Inventurpunkten bis zu den Handlungsempfehlungen. Dargestellt ist ein Ausschnitt eines bayerischen Bergmischwald-dominierten Betriebes.

Auf diesen Flächenkategorien basierend konnten Handlungsempfehlungen abgeleitet werden (Schritt 3, Tabelle 2). Flächen der Kategorie 1 sind naturschutzfachliche Kernflächen. In ihnen steht der Erhalt der Qualität der vorliegenden Schwellenwerte im Vordergrund. Flächen der Kategorie 2 sind Entwicklungsflächen. In ihnen wird das Überschreiten der Schwellenwerte angestrebt. Dabei sollte insbesondere in Beständen mit einem verhältnismäßig hohen Bestandsalter ab rund 140 Jahren angestrebt werden, mindestens 30 m³ Totholz je ha zu erreichen. Diese Bestände bieten eine große Nischenvielfalt, die durch die alten Bäume entsteht. Im Zusammenhang mit hohen Totholzmengen können sie Lebensraum gerade für hoch spezialisierte Tier- und Pflanzengruppen bieten.

Flächen der Kategorie 3 sind schließlich ökonomische Vorrangflächen. Dies soll nicht bedeuten, dass dort langfristig nicht auf naturnähere Waldbestände hingearbeitet werden soll (z.B. Laubholzeinbringung in Fichtenreinbeständen, Entwicklung von Biotopbäumen, Erhalt und Markierung von Höhlenbäumen).

Die bisherigen Erfahrungen aus der Anwendung des vorgestellten Verfahrens in drei Forstbetrieben der Bayerischen Staatforsten zeigt, dass man selbst in Betrieben mit sehr hohem naturschutzfachlichen Potenzial über die Schwellenwerte zu einer flächendifferenzierten Planung kommen kann, wo vorher noch das „Schreckgespenst“ einer durch flächenhaften Naturschutz unmöglichen Nutzung im Raum stand.