Nationalparkverwaltung
Bayerischer Wald

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Forschung im Nationalpark Bayerischer Wald

Monitoringprojekt: Die natürliche Waldentwicklung auf belassenen und geräumten Windwurfflächen im Nationalpark Bayerischer Wald

Sturmwurf (Foto: M. Hußlein)

Im Sommer 1983 und Herbst 1984 haben heftige Stürme zu den ersten tiefgreifenden Veränderungen in den Wäldern des Nationalparks seit dessen Gründung am 7. Oktober 1970 geführt:

Auf 173 ha wurden unzählige Bäume entwurzelt oder – in geringerem Maße – gebrochen und zu Boden gerissen. Meist handelte es sich um flachwurzelnde Fichten auf mineralischen und organischen Naßböden. Betroffen waren vor allem die Wälder in den Tal- und Hanglagen des Grenzgebirgskammes, lediglich 14,3 ha (8%) der Sturmwürfe ereigneten sich in den Bergfichtenwäldern.

Entsprechend der Zielsetzung des Nationalparks wurden die Windwürfe in der Naturzone – etwa die Hälfte der Windwurfgesamtfläche - nicht aufgearbeitet und der Borkenkäfer in den Folgejahren nicht bekämpft. Dadurch bot sich die Gelegenheit, die weitere Entwicklung auf den belassenen Windwurfflächen langfristig zu beobachten und mit der auf geräumten Flächen außerhalb der Naturzone zu vergleichen.

Von 1988 bis 1992 wurden sechs streifenförmige Dauerbeobachtungsflächen – sog. Transekte - in den verschiedenen Höhenstufen des Nationalparks eingerichtet und dauerhaft vermarkt. Sie sind 10m breit, die Längen schwanken zwischen 280 und 430m. Unterteilt sind diese Transekte in jeweils 10 x 10m² große Aufnahmequadrate, auf denen im Abstand von ca. 5 Jahren umfangreiche vegetationskundliche Untersuchungen durchgeführt werden. das Projekt ist als unbefristete Dauerbeobachtung angelegt, projektverantwortlich ist Hans Jehl (NPV Bayerischer Wald), wichtiger Kooperationspartner ist die TU München, Fachgebiet Geobotanik (Prof. Dr. Fischer).

Wesentliche Fragen des vegetationskundlichen Monitorings sind:

• Wie verändert sich das Vegetationsmosaik in den Windwurf- und angrenzenden Borkenkäfer-Totholzflächen im Vergleich zu intakten Altholzbeständen?
• Welche Bedeutung hat das außerordentlich vielfältige Mosaik unterschiedlichster Kleinstandorte (Wurzelteller, liegendes und stehendes Totholz, ...) für die weitere Waldentwicklung (Artenzusammensetzung, horizontale und vertikale Strukturierung der Wälder)?
• Welche Rolle spielen Pioniere in der Waldentwicklung nach großflächigen Störungen?
• Entstehen durch diese tiefgreifenden Veränderungen neue Lebensräume für konkurrenzschwache Arten?

Die nunmehr fast 30 – jährige Dauerbeobachtung auf den Windwurfflächen zeigt, dass die Regenerationsfreudigkeit der Bergwälder im Nationalpark Bayerischer Wald ungebrochen ist. Durch die Windwürfe ist ein außerordentlich vielfältiges Mosaik unterschiedlichster Kleinstandorte entstanden: Durch die herausgehebelten Wurzeln umgestürzter Bäume wurde der Grasfilz zerstört und der Mineralboden freigelegt. Hoch aufragende Wurzelteller und die ineinander verkeilten Baumstämme und -kronen sind Schattenspender und tragen zur Windruhe bei. Das verrottende Totholz bildet v.a. in den rauen Bergfichtenwäldern ein außerordentlich wichtiges Keimbett für eine neue Waldgeneration. Nicht unbeachtet werden darf auch der Schutz vor Pflanzenfressern, wie Reh und Rothirsch. Diese nutzen zwar auch die Windwurfflächen, finden sie dort doch reichlich Deckung und Nahrung. Vielerorts versperren aber die kreuz und quer liegenden Stämme und Wurzelteller den Zugang zu den kleinen Waldbäumen und bilden so einen natürlichen Verbissschutz.

Heute wird deutlich, dass sich der junge Wald in einer ungeahnten Strukturvielfalt entwickelt: Dicht mit jungen Waldbäumen bestandene Flächen finden sich neben solchen, in denen die Verjüngung noch spärlich ist. Bemerkenswert ist, dass sich die neue Waldgeneration zum überwiegenden Teil aus den Arten des Schlußwaldes – Tannen, Buchen und Fichten in den Bergmischwäldern und Fichten in den Bergfichtenwäldern – zusammensetzt. Pionierbaumarten, wie Birken, Aspen und Weiden spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Besonders erwähnt werden muß in diesem Zusammenhang die Vogelbeere, die nach unseren Beobachtungen eine Mittelstellung zwischen den typischen Pionieren und den Schlußwaldbaumarten einnimmt: Während sich Pioniere („Erstbesiedler“) erst nach einem Sturmereignis v.a. dort einstellen, wo der Mineralboden freigelegt wurde, findet man die Vogelbeere bereits sehr zahlreich in geschlossenen Wäldern. Sie kann in der Jugend – vergleichbar mit Buche und Tanne! - sehr lange im Schatten ausharren. Öffnet sich das Kronendach, so reagiert sie sehr rasch auf die veränderten Umweltbedingungen mit bemerkenswertem Wachstum, bildet so binnen weniger Jahre einen lockeren Schleier über die Windwurfflächen und dämpft damit Klimaextreme, was wiederum den frostempfindlichen Tannen und Buchen zu Gute kommt.

Wenngleich die zurückliegenden Ereignisse in den Nationalparkwäldern bei vielen Menschen Bestürzung und Sorgen um den Fortbestand des Waldes ausgelöst haben, so waren sie doch ganz wichtige Meilensteine auf dem Weg zum (Nat-)Urwald. Zusammen mit den verrottenden Baumstämmen und hoch aufragenden Wurzeltellern können wir bereits heute in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft wieder Waldbilder erleben, wie sie sonst nur noch in sehr abgeschiedenen Regionen zu finden sind.

Literatur

Fischer, A., Abs G., Lenz, F., 1990. Natürliche Entwicklung von Waldbeständen nach Windwurf. Ansätze einer „Urwaldforschung“ in der Bundesrepublik Deutschland. Forstwiss. Centralbl. 109, pp. 309 – 326.

Fischer, A., Jehl, H., 1999. Vegetationsentwicklung auf Sturmwurflächen im Nationalpark Bayerischer Wald aus dem Jahre 1983. Forstl. Forschungsberichte. Schriftenr. Forstwiss. Fakultät der TU München und der Bayer. Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, pp. 93 – 101.

Fischer, A., Lindner, M., Abs, C., Lasch, P., 2002. Vegetation dynamics in Central European forest ecosystems (near-natural as well as managed) after storm events. Folia Geobotanica 37, pp. 17 - 32.

Fischer, A., Fischer, H., 2009. 25 Jahre Vegetationsentwicklung nach Sturmwurf. Eine Dauerbeobachtungsstudie im Bayerischen Wald. Forstarchiv 80, pp. 163 - 172.

Fischer, A., Fischer, H., 2011. Individual-based analysis of tree establishment and forest stand development within 25 years after wind throw. Eur. J. Forest Research (Published online).

Jehl, H. 1995. Die Waldentwicklung auf Windwurfflächen im Nationalpark Bayerischer Wald. In: Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald: 25 Jahre auf dem Weg zum Naturwald. Wiss. Schriftenreihe des Nationalparks Bayerischer Wald, Sonderheft, pp. 112 – 145.

Jehl, H., 2001. Die Waldentwicklung nach Windwurf in den Hochlagen des Nationalparks Bayerischer Wald. In: Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald: Waldentwicklung im Bergwald nach Windwurf und Borkenkäferbefall. Wiss. Schriftenreihe des Nationalparks Bayerischer Wald, Heft 14, pp. 49 – 98.