Nationalparkverwaltung
Bayerischer Wald

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Pressemitteilung

28.07.2015
Nr. 028/15
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Kleine Inventur in zwei Wäldern

Nürnberger Schüler „zählen“ in Reichswald und Nationalpark Bayerischer Wald

Schüler des Bertolt-Brecht-Gymnasiums maßen heuer das zehnte Mal nach, ob und wie sich Hochlagenwald am Fuße des Lusen seit 2006 entwickelt hat. Begleitet und betreut wurden sie wieder durch den Biologielehrer Dr. Gerhard Brunner (r.)

Schüler des Bertolt-Brecht-Gymnasiums maßen heuer das zehnte Mal nach, ob und wie sich Hochlagenwald am Fuße des Lusen seit 2006 entwickelt hat. Begleitet und betreut wurden sie wieder durch den Biologielehrer Dr. Gerhard Brunner (r.)

Zwei gelbe Bänder spannen sich auf 30 Metern Länge schnurstracks durch ein Gebiet unweit der „Blauen Säulen“ durch ein kleines Stück Nationalpark Bayerischer Wald. Hier hatte Ende der 90er Jahre der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet, um in den alten Forst entlang des Grenzkamms zwischen bayerischem und tschechischem Böhmerwald große Löcher zu fressen. Seit 2006 schauen Nürnberger Schüler nun nach, was sich dort oben in der Hochlage tut. Jetzt waren sie das zehnte Mal da.

Eigentlich messen sie ja primär ein eigenes „Kerngebiet“. Gymnasiasten der Bertolt-Brecht-Schule in Nürnberg rücken sonst regelmäßig einer 50 mal 50 Meter großen Fläche im sogenannten „Lorenzer Reichswald“ ganz nah „auf die Rinde“. Die ist seit Jahren durch Messpunkte abgesteckt und definiert, um nach Zählungen von Bäumen und ihren Arten, ihrer Größe und Vitalität zu ermitteln, wie sich die Waldgesellschaft dort verändert oder ob auch mit der Klimaveränderung neue Prozesse in Gang kommen.

Im Nationalpark Bayerischer Wald hat man sich dazu eine zweite Vergleichsfläche mit anderen Bedingungen gesucht. Biologielehrer Dr. Gerhard Brunner, selbst „Pflanzensoziologe“, kannte die Region von Urlauben als Kind. Vor 15 Jahren verschlug es ihn dann erstmals mit Schülern der achten Klassen hierher. Als mit der G8-Umstellung die Inhalte auch praktischer und wissenschaftlicher werden sollten, entstand die Idee der „kleinen Waldinventur“ für eigene Jungforscherzwecke. Der Nationalpark wies ihnen eine Fläche aus, die mit Pfosten markiert wurde. Und los ging es.

Damals stand man im Nationalpark selbst noch vor der spannenden Frage, was sich auf so hohen Lagen weit über 1000 Meter knapp unterhalb des Lusens denn entwickeln würde, wenn man den Wald sich selbst überließe. Dass der Borkenkäfer so hoch fliegen würde, war eine noch junge Erfahrung. In der Bevölkerung herrschte Sorge darüber, dass die Bergkämme vom Grünen Dach Europas zu kahlen Bergrücken mutieren könnten. Zum Projektstart konnten die Schüler noch mit Zollstock messen. Jetzt leiht ihnen der Nationalpark Teleskopstangen mit bis zu acht Metern Höhe. Die reichen gerade noch. Aber in ein paar Jahren wird es wohl schon Berechnungen nach Entfernung und Winkel brauchen.

Zwar, sagt Dr. Gerhard Brunner, ist das, was die 18 Schüler hier machen, nicht wirklich im Gesamtbild des Nationalparks forschungsrelevant. Die beiden „Transekte“, wie die Flächen heißen, die sich beidseits des Bandes fünf Meter tief definieren, sind gerade mal 600 Quadratmeter groß. Bei Nürnberg werden immerhin 1700 Bäume auf 2500 Quadratmetern mit fünf Hauptarten gezählt, bestimmt, vermessen. Hier sind es maximal 120 Bäume in rauer Lage; zumeist Fichten oder Vogelbeere. Aber auf Forschungs-Masse käme es ihm auch nicht an. Es geht um Methodik des wissenschaftlichen Arbeitens, es geht um Messgenauigkeit, Akribie in der Aufzeichnung und dann später auch um ergänzende Literatur, Interpretation und Präsentation. Es geht aber auch darum, als UNESCO-Projekt-Schule (neben dem Profil als Sportelite-Schule) auch raus zu gehen in die Natur, sie sich zu erschließen, sie zu erleben und sich faszinieren zu lassen.

Das klappt ganz gut, wenn die Schüler da auch einiges an eigenem Elan mitbringen und die Exkursion auch selbst finanzieren müssen. Heuer sind sogar einige Abschlussschüler dabei, die noch einmal wissen wollten, was aus ihren Bäumchen im Ein-Jahr-Zeitraffer geworden ist. Die wieder zu entdecken und alten Punkten und Maßen im Diagramm zuzuordnen, das ist gar nicht so einfach. Vor lauter Wald die Bäumchen nicht mehr finden; das trifft es schon ein wenig. Mittlerweile sind die Fixpunkte zwar per GPS sicherer bestimmt. Aber Natur verändert sich immer wieder. Zum Beispiel durch Verbiss. Der betrifft aber weit mehr die Vogelbeere, stellte die Gruppe fest. Die Fichten haben sich dagegen über das gefährdete Maß hinaus bunt gestuft entwickelt. Luca Ebner, der 2014 dazu seine Facharbeit schrieb, kommt jedenfalls zu dem Ergebnis, dass die Entwicklung hier wohl zu einem natürlich verjüngten Bergfichtenwald mit nur punktueller Ergänzung durch die Vogelbeere kommen werde.

Das ermittelte Nürnberger Bild deckt sich hier auch mit der Nationalparkerfahrung. Und eine weitere Ergänzung trug dazu Martin Gahbauer vom Sachgebiet Naturschutz und Forschung bei: In der untersuchten Fläche gab es sowohl eine Fläche mit reiner Naturverjüngung als auch einen Hektar mit dem Versuch einer Unterstützungspflanzung. Heute könne man da keinen Unterschied mehr feststellen, was die These von damals unterstützt, dass sich die Natur am besten selbst hilft und im Boden befindliche Saat nach Störungsereignissen vital für Nachwuchs sorgt.

Die Ergebnisse unterstreichen einerseits, dass der Fortbestand der Hochlagenfichtenwälder gesichert ist, zum anderen aber auch, dass es gerade die auf Teilflächen verzögerte Verjüngung ist, die den strukturreichen Urwald von morgen garantiert.

Bildunterschrift:

Schüler des Bertolt-Brecht-Gymnasiums maßen heuer das zehnte Mal nach, ob und wie sich Hochlagenwald am Fuße des Lusen seit 2006 entwickelt hat. Begleitet und betreut wurden sie wieder durch den Biologielehrer Dr. Gerhard Brunner (r.)

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