Nationalparkverwaltung
Bayerischer Wald

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Pressemitteilung

12.09.2008
Nr. 139/08
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Tiere haben keine Heizung

Überlebensstrategien in der kalten Jahreszeit

Die milden Sonnenstrahlen im Goldenen Oktober, der zum Markenzeichen des Bayerischen Waldes geworden ist, täuschen über die Jahreszeit hinweg. Die Tage werden merklich kürzer und die nächtliche Kaltluft bekommt mehr und mehr Zeit, sich über das Land auszubreiten – kurzum, der Winter steht vor der Tür.

Wir Menschen freuen uns darauf, bei uns im Bayerischen Wald noch Pulverschnee mit in der Sonne glitzernden Eiskristallen in einer oft tief verschneiten Mittelgebirgslandschaft  erleben zu dürfen, sofern nicht der Gedanke vom Schneeschaufeln mit kreuzlahmem Rücken und neuerdings von sündhaft teuerem Heizöl verdrängt wird.

Die Frage „Was machen eigentlich die vielen Tiere in dieser kalten Jahreszeit, bereiten sie sich darauf vor, obwohl sie keinen Kalender bei sich haben?“ stellen sich heute, in einer Zeit des Wohlstandes, in der man sich gegen Kälte mit warmer Kleidung schützt und Supermärkte an jeder Ecke das Wort „Hunger“ gar nicht erst aufkommen lassen, die Menschen landauf landab kaum mehr.

Zurück zur goldenen Oktobersonne. Wenn sie scheint, ist es für die meisten Tiere schon zu spät, sich auf den Winter vorzubereiten oder einzustellen. Ihre „Innere Uhr“ tickt schon früher anders, setzt Signale, die der Mensch nicht versteht, den einzelnen Tierarten aber unmissverständlich anzeigt, was zu tun ist. Man nennt dies Instinkt, der im Laufe von Jahrmillionen entwickelt wurde. Und nur jene Exemplare unter den Tieren haben überlebt, die Gewohnheiten angenommen haben, welche im Kampf ums nackte Überleben letztendlich erfolgreich blieben. Diese Strategien werden als Erbgut an die Nachkommen wei­tergegeben. Sie sind zwar von Tierart zu Tierart recht unterschiedlich entwickelt, haben aber alle eines gemeinsam, nämlich durch Überleben erfolgreich den Artbestand zu sichern. Aber was für die eine Art den Schlüssel zum Erfolg darstellt, ist für andere Gruppen oft gar nicht möglich. So ziehen es viele Vo­gelarten, die auf Weichfutter wie Insektennahrung angewiesen sind, vor, im Winter in wärmere Gefilde, z. B. nach Afrika zu fliegen, wenngleich sie auf dem langen Weg dorthin ebenfalls hohe Verluste erleiden. Säugetieren oder Amphibien bleibt dieser Weg versperrt. Sie müssen andere Lösungen finden.

Die scheinbar sicherste Methode stellt dabei der Winterschlaf dar. Siebenschläfer verbringen tatsächlich bis zu sieben Monate in diesem Zustand. Herzschlag und Energieverbrauch werden dabei auf ein Mini­mum reduziert. Nur so wird es ermöglicht, eine so lange Zeit ohne Nahrung auszukommen. Schlangen, Frösche und auch Fledermäuse verfahren nach dem gleichen Prinzip. Fatal wirken sich bei dieser schein­bar bequemsten Methode Störungen aus, die den Stoffwechsel beschleunigen.

Gleiches gilt auch für Rauhfußhühner wie den Auerhahn oder die selbst noch in Ortsnähe lebenden Ha­selhühner. Beide machen zwar keinen Winterschlaf, aber neben einer Umstellung des Nahrungsspektrums achten sie besonders darauf, keine unnötige Energie zu verlieren. Oft lassen sie sich einschneien und verbringen dann tagelang bei geringstem Energieverbrauch regungslos in der wärmenden Schneehöhle. Werden sie jedoch aufgescheucht, z. B. von abseits der Loipen fahrenden Skilangläufern, kommt es mit­unter zu einem tödlich endenden Energieverbrauch.

Nach dem Lebensmotto: Sammle in der Zeit, dann hast du in der Not, versuchen eine ganze Reihe von Tieren, die Nahrungsengpässe des Winters zu überbrücken. Dazu gehören Eichhörnchen ebenso wie der "Waldbauer" Eichelhäher, dem so manche Buche durch seine Vergesslichkeit ihr Leben verdankt. Was die wenigsten von uns wissen: Auch die im Nationalpark heimische kleinste Eule Europas, der Sper­lingskauz, legt sich mitunter Nahrungsdepots an. Er fängt im Winter Mäuse und Kleinvögel und versteckt sie. Dabei nutzt er die Kälte als natürlichen Gefrierschrank zur Konservierung. Ist er bei der täglichen Jagd einmal nicht erfolgreich, greift er auf seine angelegten "Reserven" zurück. Weil es aber für den kleinen Vogel fast unmöglich ist, die steinhart gefrorenen Beutetiere zu verspeisen, setzt er sich einfach darauf und taut mit seiner eigenen Körperwärme die "Tiefkühlkost" auf, um sie dann zu verzehren. Gerade an diesem Beispiel lässt sich ablesen, welch verblüffende Strategien Tiere zur Lebenserhaltung im Laufe der Evolution entwickelt haben. Sie alle sind aber keine Garantie dafür, aber zumindest bislang arterhaltend. Aber auch außergewöhnliche, oft durch Menschen verursachte Störungen - selbst wenn sie unbewusst oder ungewollt sind, bewirken manchmal sogar bedrohliche Artenzusammenbrüche. Auch dar­an sollten wir denken bei einem genüsslichen Sonnenbad im Goldenen Oktober oder später bei einem erholsamen Spaziergang durch den zauberhaften Winterwald.

Rainer Pöhlmann

 


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