Nationalparkverwaltung
Bayerischer Wald

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Pressemitteilung

17.12.2009
Nr. 170/09
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Bestandsrückgang durch Störungsstress?

Auerhahn im Winter
Foto: Rainer Pöhlmann

Auerhahn im Winter Foto: Rainer Pöhlmann

Fehlende Gewöhnung an Menschen wird für Auerhühner zum Bumerang

Im Rahmen der beliebten popularwissenschaftlichen Vortragsreihe referierte der Schweizer Forscher Dr. Dominik Thiel vor fast 100 interessierten Zuhörern im Waldgeschichtlichen Museum St. Oswald über Stressfaktoren der Auerhühner, wie sie heute wissenschaftlich fundiert gemessen werden und wie der Mensch dazu beitragen kann, diese zu verhindern.

Auch wenn die Untersuchungsgebiete von Dr. Thiel in der Schweiz und im Südschwarzwald liegen, lassen sich in vielen Fällen Verknüpfungen und Parallelen zur Auerhuhnsituation im Bayerischen Wald herstellen. Ganz besonders gilt dies im Winter; denn hier wie dort erschweren hohe und lange Schneelagen sowie Skisport das zu dieser Zeit ohnehin harte Leben des zu den Raufußhühnern zählenden Auerhuhns.

598 Kotproben von Auerhühnern wertete Dr. Thiel aus, um belastbare Aussagen über den Stresszustand der Waldvögel zu erhalten. „Denn“, so der Forscher, „das bei einer Stresssituation ausgestoßene Hormon Corticosteron wird im Körper nicht abgebaut, sondern mit dem Kot ausgeschieden.“ Alter und Fundort der Kotproben lassen auf die Art der Störung der Vögel und auch das Fluchtverhalten und die Fluchtdistanz Rückschlüsse zu.

Dr. Thiel machte aber auch deutlich, dass die Ausschüttung von Stresshormonen dem Auerhuhn durchaus nützt, weil es dadurch gefährliche Situationen besser meistern kann. Eine chronische Erhöhung des Hormonspiegels, wie er bei Dauerstörungen auftritt, verursacht jedoch Gewichts- und damit Vitalitätsverlust sowie eine nachweislich negative Fortpflanzungsrate.

Warum gerade im Winter Störungen des Auerwildes in seinem Lebensraum mitunter dramatische Auswirkungen haben, erläuterte Dr. Thiel mit der in dieser Zeit sich veränderten Hauptnahrung. „Zum größten Teil werden nur nährstoffarme Fichten- bzw. Kiefernnadeln aufgenommen, die eine lange Verdauungszeit benötigen und daher auch lange Ruhezeiten erfordern“. Trotz vergleichsweise riesiger Blinddärme führt die Winternahrung beim Auerhuhn zu einer limitierten Energieaufnahme, die nur geringe Energiereserven ermöglicht. Bei Störungen bildet sich sehr rasch ein negativer Energiehaushalt, der den Fitnesszustand und damit auch den Fortpflanzungserfolg mindert. Auf die durch Lebensraumverlust in den letzten Jahrzehnten stark rückläufigen Auerwildbestände wirken sich somit Winterstörungen sehr negativ aus – auch wenn der Tod durch Erschöpfung nicht eintritt!

Wie lässt sich dagegensteuern? Dr. Thiel zeigte anhand seiner Untersuchungsergebnisse eine Reihe von Möglichkeiten auf. Zum Leidwesen der gespannten Zuhörerschaft nannte Dr. Thiel den Gewöhnungseffekt nicht. „Auerhühner haben im Gegensatz zu Füchsen, Rabenvögeln oder Eichhörnchen einen entscheidenden Nachteil – sie gewöhnen sich nicht an Menschen!“, stellte Dr. Thiel ganz klar fest. Dieses Verhalten muss bei Schutzmaßnahmen vorweg berücksichtigt werden.

Die Fluchtdistanz bleibt trotz häufiger Kontakte zu Menschen gleich. Sie ist ab 50 Meter Entfernung sehr groß und wirkt sich z. B. durch Skisport bis auf 500 Meter nachteilig aus. „Wir müssen“, so Dr. Thiel, „wenn wir das Auerhuhn wirklich schützen wollen, Rückzugsoasen schaffen“. Dr. Thiel zeigte mit Hilfe von Wegekarten, dass im Winter sogar 50 Hektar große Wald-/Wiesenflächen ausreichen können, wenn dort zuverlässig menschliche Störungen ausgeschaltet sind.

Zusätzlich ist es laut Dr. Thiel unerlässlich, in Auerhuhngebieten Wegegebote zu erlassen, deren Einhaltung auch überprüft werden muss. Gerade an die in den letzten Jahren stark angestiegene Zahl von Schneeschuhgehern muss appelliert werden, nicht abseits der Wege zu wandern.

Die anschließende rege Diskussion verdeutlichte, wie sehr das bei uns stark gefährdete Auerhuhn den Zuhörern am Herzen liegt.

Foto Auerhahn: Rainer Pöhlmann

 

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