Nationalpark
Bayerischer Wald

Grenzenlose Waldwildnis – Nationalpark Bayerischer Wald

Gedanken zum bevorstehenden 40. Geburtstag am 7. Oktober 2010

Mit einer Kutschfahrt von Staatsminister Dr. Hans Eisenmann bei der Eröffnung des Nationalparks Bayerischer Wald begann eine beispiellos erfolgreiche Entwicklung.(NPV Archiv)Im Juli 1969 hat der Bayerische Landtag nach langen Diskussionen einstimmig beschlossen, im Bayerischen Wald um die Berge Rachel und Lusen einen Nationalpark einzurichten. Der damalige Forstminister Dr. Hans Eisenmann hat sich eindeutig und klar für den Nationalpark und seine Ziele ausgesprochen und die Entwicklung des Nationalparks mit großen persönlichen Einsatz unterstützt – wie alle für den Nationalpark zuständigen Minister und Ministerpräsidenten der Bayerischen Staatsregierung in den letzten 40 Jahren. Am 7. Oktober 1970 wurde der Nationalpark Bayerischer Wald feierlich eröffnet. In der Festschrift schrieb Dr. Hans Eisenmann: „Sechzig Jahre hat es gedauert, bis auch bei uns die Nationalparkidee verwirklicht werden konnte. Ein Menschenleben lang und doch nur kurz, gemessen an dem Zeitraum, in dem der Mensch unsere Landschaften und seine Bedürfnisse umgeformt hat. Wir sollen daher nicht ungeduldig werden, wenn wiederum Jahrzehnte vergehen werden, bis die Wälder um Rachel und Lusen in den Zustand zurückgeführt sind, der uns und unsere Nachfahren eine Vorstellung von ursprünglicher Natur und den Gesetzen ihres Wirkens vermitteln kann.“

Jahre später - bei der Entscheidung 1983 Windwürfe liegen zu lassen – hat der Minister dieses erklärte Ziel in die prägnanten Worte gefasst: „Ein Urwald für unserer Kinder und Kindeskinder“.





Für den Naturschutz in Deutschland war das eine richtungsweisende Entscheidung. Neben dem klassischen Artenschutz und dem damit verbundenen Festhalten eines bestimmten Zustandes der Natur durch aktive Pflanzmaßnahmen trat mit dem Ziel eines neuen Urwaldes das Zulassen und der Schutz der natürlichen Dynamik mit ihren ständigen, nie genau vorhersehbaren Entwicklungen in den Vordergrund. Dr. Hans Bibelriether, der langjährige Leiter der Nationalparkverwaltung hat dieses Schutzprinzip mit den einprägsamen Worten „Natur Natur sein lassen“ beschrieben.

Die Natur einfach in Ruhe lassen, alles was dort existiert, leben und sterben lassen ohne einzugreifen, wie es auf diesem Planeten seit Jahrmillionen geschehen ist bis zum Beginn des Ackerbaus durch den Menschen vor etwa 4.000 Jahren.

Im Bayerischen Wald wurden noch vor 150 Jahren große Teile des Nationalparks als wilde beeindruckende Urwälder beschrieben, sowohl in den ersten forstlichen Darstellungen der damaligen Zeit als auch in den Werken sehr bekannter Autoren wie Adalbert Stifter und Karl Klostermann. Welch ungeheueren Eindruck von Größe und Erhabenheit diese wilden Wälder auslösten, kann man dort nachlesen.

Für ein solches Ziel waren viele zu begeistern. Urwald im Nationalpark, der Natur freien Lauf lassen, was sollte denn logischer und einfacher sein?

Die heißen Diskussionen und Kämpfe um den Nationalpark löste ein kleines, aber in fichtendominierten Wäldern wichtiges Tier aus, der Borkenkäfer.

In forstwirtschaftlich genutzten Wäldern ohne jeden Zweifel ein sehr ernstzunehmendes Problem, weil ja von Eigentümern geplante Produktionsabläufe und der Wert des erzeugten Produkts Holz empfindlich gestört werden. In den forstwirtschaftlich nicht gepflegten und genutzten Wäldern des Nationalparks existiert dieses wirtschaftliche Problem nicht. Hier reduziert sich das Wirken des Borkenkäfers auf seine naturgegebene Aufgabe, alte Fichten zum Absterben zu bringen und damit Platz zu machen für die nächste Waldgeneration. Gleichzeitig ist seine Arbeit der erste Schritt auf dem Weg, dass aus einem Baum, der über viele Jahrzehnte Nährstoffe aus dem Boden und Kohlenstoff aus der Atmosphäre gespeichert hat, in einem langen Zersetzungsprozess fruchtbarer Humus wird. Diesen Umwandlungsprozess führen unendlich viele Tiere, Pflanzen und Pilze durch, für die der tote Baum nach seinem eigenen Leben zum Lebensmittel wird. Auf diesem Weg speichert der Wald die für seine dauerhafte Existenz notwendigen Nährstoffe und das der Atmosphäre entnommene Kohlendioxid (CO2) langfristig in seinem Lebensraum und nutzt es für alle, die im Wald leben.

Natürlich sind die Bilder, die durch diese natürlichen Vorgänge entstehen neu und gewöhnungsbedürftig; wenn Waldteile frisch abgestorben sind, sehen sie für unsere von gepflegten Wirtschaftswäldern geprägten Vorstellungen nicht gerade erfreulich aus.

Dieses Bild ändert sich allerdings rasch und von Jahr zu Jahr schneller mit einer bisher nie gekannten und beobachtbaren Kraft und Lebendigkeit.

Heute, fünfzehn Jahre nach dem Beginn der Umgestaltung der Wälder des Nationalparks durch den Borkenkäfer, zeigen sie - vier Jahrzehnte nach der Gründung des Nationalparks - ein Bild neuer Waldwildnis mit der ganzen Fülle an Formen, Farben, Strukturen, Düften und Lebewesen, die zum Wald gehören.

Wildnis, die faszinierende Mischung aus Freiheit, Abenteuer, Geheimnis und Mythos von Märchengestalten, Räubern und Gefahr entwickelt eine unvergleichliche Anziehungskraft auf Menschen, die Natur in ihrer Ursprünglichkeit erleben wollen.

Diese Entwicklung hat den Nationalpark Bayerischer Wald zum wichtigsten Imageträger für die Region mit erheblichen wirtschaftlichen Auswirkungen für den Tourismus gemacht. Die grenzenlose Waldwildnis ist das unverwechselbare Markenzeichen und Alleinstellungsmerkmal des Nationalparks Bayerischer Wald unter den deutschen Nationalparken und damit auch das wichtigste Markenzeichen der Region.

Zum 40jährigen Jubiläum erwartet die Besucher des Bayerischen Waldes der älteste Nationalpark Deutschlands unter dem Motto: 40 Jahre – 40 Highlights mit einem bunten Strauß von Veranstaltungen mit einem Fest für die Region am Geburtstags-Wochenende, aber auch stillen, einsamen Wegen durch die faszinierende Wildnis.

Karl Friedrich Sinner
Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald